Mit Kanonen auf Spatzen schießen?

Mit Kanonen auf Spatzen schießen?

Mit Kanonen auf Spatzen schießen – diese Redewendung kennst Du bestimmt. Sie bedeutet: Überreagieren, übertreiben, übereifrig sein, unverhältnismäßig viel Kraft aufwenden, um etwas zu erreichen.

Kürzlich hat ein Kollege von mir diesen Spruch benutzt und mich damit zu diesem Blogbeitrag inspiriert.

Wo investieren wir immer wieder viel zu viel Energie und setzen uns damit selber unnötig unter Druck – größtenteils ohne es zu merken? Wie machen wir uns dadurch das Leben schwer?
Und vor allem: Gibt es denn etwas, das wir dagegen unternehmen können?

Sehr schnell hatte ich viele Beispiele gefunden. Und so möchte ich Dir nun gerne ein paar Situationen aus meinem Leben schildern, in denen ich genau das getan habe: Ich habe mir das Leben unnötig selber schwer gemacht. Denn übereifrig sein, das kann ich gut! Naja, kein Wunder bei meiner Persönlichkeitsstruktur, die geprägt ist von zwei starken Antreibern: „Ich muss es anderen recht machen!“ und „Ich muss perfekt sein!“. Meistens habe ich die Beiden ganz gut im Griff. Nur wenn es für mich anfängt stressig zu werden, melden sie sich fleißig zu Wort.

Los geht’s also mit dem Spaziergang durch meine ganz persönlichen „Kanonaden“. Vielleicht erkennst Du Dich ja in der ein oder anderen Geschichte wieder…


Ein schönes Beispiel habe ich gerade vergangenen Sonntag erlebt. Ich war mit meinem Tanzpartner zu einem Discofox-Workshop in einer für uns fremden Tanzschule angemeldet. Grundkenntnisse wurden vorausgesetzt. Der Tanzlehrer fragte zu Beginn: „Wenn ich jetzt gleich Musik anmache, dann kann sich jeder von Euch dazu bewegen?“. Na klar können wir das! Die meisten Paare (wir auch) legten sich voll ins Zeug und tanzten, was ihr Repertoire hergab.

Nachdem das erste (!) Lied zu Ende war, meinte der Tanzlehrer besorgt, dass es nicht nötig wäre, gleich am Anfang schon alles zu geben, um ihm zu beweisen, was wir alles könnten. Wir dürften uns ruhig langsam eintanzen, ein Start von Null auf Hundert wäre nicht erforderlich. Erstmal aufwärmen, dann langsam steigern. (Das hätte er ja auch mal vorher sagen können… 😉 )

Was war passiert? Der Kurs sollte doch Freizeitvergnügen sein und Spaß machen, nicht Stress auslösen. Trotzdem lag für die meisten von uns wohl unbewusst eine stressauslösende Situation vor. Unbekannter Tanzlehrer, fremde andere Tanzpaare, Ungewissheit über den Ablauf und die Anforderungen des Workshops.

Und schwupps, schon meldeten sich unsere Antreiber zu Wort. Wir haben mit Kanonen auf Spatzen geschossen und unverhältnismäßig viel Energie eingesetzt, wo es gar nicht nötig gewesen wäre.


Ein weiteres typisches Beispiel stammt aus der Zeit, als ich gerade anfing, mich näher mit mir selber und meiner persönlichen Entwicklung zu beschäftigen. Ich war damals bei einem pferdegestützten Training. Die Aufgabe lautete, mit gegebenen Hilfsmitteln (bunte Flatterbänder, farbige Schirme, Pylonen, etc.) eine „Hindernis“bahn aufzubauen, die wir dann gemeinsam mit dem Pferd durchlaufen sollten. Alle vorhandenen Materialien mussten verwenden werden. Weitere Vorgaben gab es nicht.

Meine Bahn war hochkomplex. Ich hatte die Gegenstände zum Teil mitten auf den Weg gelegt, so dass ich sie mit dem Pferd einmal rechts und einmal links herum umrunden musste. Das war wirklich schwierig zu meistern, da Pferde vor diesen Gegenständen eine natürliche Scheu haben.

Ein anderer Teilnehmer hatte die Materialien einfach am Rand der Bahn verteilt, so dass er mit dem Pferd problemlos und mit Sicherheitsabstand vorbeilaufen konnte.

Ich dagegen hatte mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Hatte es mir unnötig kompliziert gemacht. Schon beim Erdenken der Bahn hatte ich am längsten gebraucht und später beim Durchlaufen natürlich auch. Unnötig investierte Energie.


Ein letztes Beispiel möchte ich Dir noch erzählen. Das war, als ich zum ersten Mal einen Auftrag für ein Kommunikationstraining in einer Fremdsprache angenommen hatte. „Huch! Habe ich wirklich „ja“ gesagt? Na, dann muss ich jetzt aber auch beweisen, dass ich das drauf habe…“, so und ähnlich hörten sich meine inneren Dialoge an.

Was habe ich also getan? Ich habe Seminarunterlagen erstellt. Umfangreiche Seminarunterlagen. Sehr umfangreiche Seminarunterlagen… Ich habe mehr oder weniger mein ganzes Wissen zu dem Thema in Schriftform gepackt.

Und während des Seminars habe ich am Anfang viiiieeeel Informationen gegeben. Fragen musste eigentlich keiner der Teilnehmer mehr stellen, denn ich hatte ja alles bereits im Vorfeld bedacht und automatisch mit beantwortet. Es hat eine Weile gedauert, bis mein wegen der ungewohnten Situation massiv erhöhter Stresspegel wieder gesunken war, und ich die restlichen Seminarinhalte „normal“ und angemessen vermitteln konnte.

Gleich zweimal hatte ich hier die Kanone ausgepackt. Hatte, ohne dass es jemand von mir verlangt hätte, sehr viel (unbezahlte) Zeit und Energie investiert. Weniger wäre genug gewesen und hätte den Erfolg nicht geschmälert.


Na? Kommt Dir irgendwas davon bekannt vor? Kennst Du ein ähnliches „Kanonen-Spatz-Verhalten“ auch von Dir? Willkommen im Club! Wir sind sicher nicht die einzigen beiden, denen es so geht!

Die gute Nachricht: Es gibt Wege, „Kanonen-Spatzen-Muster“ als solche zu erkennen und entsprechend zu handeln! Denn in dem Moment, in dem Dir die zugrundeliegenden Mechanismen bewusst werden, bist Du schon einen großen Schritt weiter!

Also lass uns doch mal schauen, was hier alles eine Rolle spielt. Aus meinen Erzählungen konntest Du sicherlich herauslesen, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und der Faktor „Stress“ nicht unwichtig zu sein scheinen. Wie ist das nun konkret bei Dir?

Wenn Du magst, nimm‘ Dir ein Blatt Papier und einen Stift und mach‘ Dich gleich aktiv an die Selbsterforschungsarbeit!

  1. Such‘ Dir eine Situation, in der Du mit Kanonen auf Spatzen geschossen hast.
    Beschreibe kurz, was sich abgespielt hat.
    Was war die Anforderung? Was hast Du daraus gemacht?
  1. Kannst Du Dich noch an Deine inneren Dialoge erinnern?
    Was hast Du zu Dir gesagt? Was hast Du gedacht?
  1. Für welche „Fallen“ bist Du anfällig? Was sind Deine Antreiber?
    Außer „Ich muss es anderen recht machen“ und „Ich muss perfekt sein“ gibt es zum Beispiel noch „Ich muss stark sein“, „Ich muss mich anstrengen“ sowie „Du musst perfekt sein“ und „Du musst stark sein“. Diese sechs spielen eine besondere Rolle und sind gekoppelt mit bestimmten Reaktionsmustern unter Stress.
  1. Was löst Stress bei Dir aus?
    Gibt es bestimmte Situationen, die Du als stressig empfindest? Oder vielleicht ein typisches Verhalten anderer Menschen? Besondere Umgebungsbedingungen? Einsamkeit?
  1. Welches typische Verhalten zeigst Du, wenn Du unter Stress gerätst?
    Gibt es Handlungsweisen, die sich immer wiederholen? Zeigen sich bestimmte Reaktionsketten?

Und? Kannst Du Wiederholungsmuster erkennen? Hast Du einen Auslöser entdeckt, der dazu führt, dass bestimmte automatische Abläufe bei Dir gestartet werden?

Prima! Damit hast Du die Basis für Dein eigenes Frühwarnsystem! Das kannst Du jetzt ausbauen, indem Du Deine Selbstwahrnehmung immer mehr schärfst. Und indem Du Deine Stress-Resistenz erhöhst. Wie das gehen kann, erfährst Du in kommenden Beiträgen.

Falls Du Dir Unterstützung bei Deiner „Kanonen-Spatz-Erforschung“ wünschst, bin ich gerne für Dich da! Ruf‘ mich einfach an oder schick‘ mir eine E-Mail.

Herzlichst,
Deine Barbara

PS:         Mein Wissen über diese Zusammenhänge bewahrt mich auch nicht immer davor, in die „Kanonen-Spatz-Falle“ zu tappen. (Wie Du ja oben lesen konntest.) Aber es hilft mir, seltener hinein zu geraten und vor allem schneller wieder rauszukommen. Und das kannst Du auch lernen!

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